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ATTABOY

134 Eldridge St, New York, NY 10002

Auf der Liste der „50 World Best Bars“ steht Attaboy auf Platz 8. Auch wenn diese Listen reichlich gesponsert, also bezahlt und mit entsprechenden Interessen belegt sind, wir machen die Probe aufs Exempel. Doch das ist gar nicht so einfach, denn bei der angegebenen Adresse steht ein offenkundig leeres Haus, nicht allzu weit entfernt von der Abbruchreife.

Wir glauben nicht, dass sich hier hier eine der weltweiten Top-Ten-Bars verbergen könnte. Nebeneingang? Hinten herum? Einmal um den Block. Wir geben die Sache schon fast auf, als wir eine kleine Klingel neben der Tür entdecken.

Ein junger Mann tritt heraus, schließt hinter sich wieder die Tür, begutachtet den Möchtegerngast. Der hält der Prüfung offenkundig stand und sieht sich mit der Frage konfrontiert: „How many?“ Das irritiert, denn weit uns breit ist niemand sonst zu sehen, aber pflichtschuldig antworten wir: „One person.“ – „Good, I’ve one place at the bar.“ Dann öffnet sich wieder die Tür.

Ein Schlauch von mindestens 30 Metern Länge und höchstens zwei Metern Breite wird sichtbar, mit einem endlosen Tresen. Dahinter wird gemixt, als ginge es ums Leben.

Eine Karte gibt es nicht. Stattdessen erkundigt sich der Bartender nach Vorlieben. Gin, ja gerne. Etwas winterlich? Warum nicht?

Wie der Cocktail heißt, den kurz darauf serviert wird, wissen wir nicht. Ein sehr milder Gin ist zu identifizieren, Cognac, vermutlich ein Spritzer Angostura … der Rest wäre geraten. Der Geschmack? Umwerfend. Kraftvoll, aber nicht zu stark. Ein großer Eiswürfel, der den Cocktail kühl hält, aber nicht verwässert – ein sehr eleganter Mix, der Konstistenz und Geschmack über eine halbe Stunde hält.

Die Einrichtung passt zu der das Erbe der Prohibitionszeit inszenierenden Location, die mit dem Verbotenen ein wenig spielt, ohne das allzu ernst zu nehmen. Der Service hätten wir uns ein wenig auskunftsfreudiger gewünscht, aber an der Freundlichkeit gibt es nichts auszusetzen. Und der Cocktail: Weltklasse.

Qualität: 10

Service: 8

Interieur: 9

Summe: 27

 

STANDBY

225 Gratiot Ave, Detroit, MI 48226, USA

Dort, wo man sich vor nich allzu langer Zeit nur tagsüber und mit kräftiger Begleitung hintrauen konnte, ist ein neues Lifestyleviertel entstanden. Detroit – up & coming. Und das Standby ist das Flaggschiff. Wer dort essen möchte, muss gut eine Stunde Wartezeit mitbringen. Aber an der Bar darf man stehen.

Wo  kommen auf einmal all die gepflegten  jungen Menschen her? So viele haben wir in den letzten zehn Jahren zusammen in ganz Detroit nicht gesehen. Obwohl wir nicht mehr ganz jung sind und keinen Bart tragen, dürfen wir eintreten.

Backstein, Stahl, Streetart und Kronleuchter – ein wilde, aber sehr schlüssige und angenehme Einrichtung. Die Bedienung ist ob der zahlreichen Gäste etwas gehetzt, aber sehr freundlich. Geboten wird ein anspruchsvolles und ambitioniertes Barmenü, klar gegliedert nach den Schnäpsen, die den jeweiligen Cocktail dominieren: Whiskey, Agave, Rum, Gin, Brand und Amaro. Jedes Kapitel bietet sechs bis acht Cocktails, durchweg Eigenkreationen.

Wir probieren den Suffering McCarthy, der als „spicy, refreshing, funky“ beschrieben wird. Alle drei Zuschreibungen treffen zu. Schon die Zutaten sind beachtlich: Two Old Tom Gin, Grapefruit Sherbet, Doctor Bird Jamaican Rum, Ginger, Honey, Lime, Angostura Bitters, Habanero Tinture. Gebannt verfolgt man das Treiben hinter dem Tresen, denn die Bartender mixen wie verrückt. Nein, keine Show, einfach besessen – und der ernste Enthusiasmus ist beeindruckend.

Das Ergebnis ist phänomenal. Der Cocktail zählt wirklich zur Spitzenklasse. Er trinkt sich unkompliziert und entfaltet beim zweiten Schluck eine wuchtige und doch harmonische Vielfalt an Aromen, die sich gut ergänzen und nie langweilen. Große Kunst. Auch die Cocktails der besonders netten Begleitung an diesem Abend sind auf vergleichbarem Niveau.

So erreichen Umgebung und Drinks das, was sich im besten Fall erwarten lässt: Sie regen an und inspirieren zu einem wunderbaren Gespräch über Musik, das Filmemachen, den Brotberuf und Versuche sich zwischen all den Ansprüchen selbst zu behaupten, ohne dabei zerrieben zu werden. Ein großer Abend. Danke.

Qualität: 9

Service: 8

Interieur: 9

Summe: 26

VODKABAR & BREAKFAST

  Skalitzer Straße 80, 10997 Berlin-Kreuzberg

Das Kottbusser Tor ist immer noch einer der touristischen Hotspots. Wildes Leben jeden Abend, die touristischen Grundbedürfnisse werden befriedigt durch Restaurants aller Art: arabisch, türkisch, indisch, asiatisch, Currywurst und um die Ecke das Ramones Museum – bunt, quirlig & alles im Berliner Shabby-Chic.

Die Vodkarbar passt gut in diese Umgebung. Der Schmuddellook ist schön und gediegen inszeniert. Konzert ist angesagt. Wir sind früh und hören dem Soundcheck zu: Ein Lautsprecher bringt den Background, live gespielt wird das Saxophon. Wir erwarten U-Bahn-Beschallung, aber schon nach den ersten Tönen wirk klar: Hier ist ein Könner am Werk.

„Jazz? Haben wir was verpasst? Kommt Jazz wieder?“ Der Musiker lächelt: „Jazz war nie weg.“ – „Aber Jazz ist doch eher fürs gesetzte Volk in Wilmersdorf.“ – „Jazz ist immer und überall.“

Zum Gespräch lassen wir uns einen Elyx Cup (Vodka, Basilikumsirup, Zuckersirup, frische Gurke, Prosecco) und eine Siberian Limonade (Vodka, Gin, Rum, Sanddorn Vodka, Lemon, Holundersirup) servieren. Der Elyx Cub ist leicht und erschfrischend, die Zutaten sind schön dosiert und harmonieren gut. Die Siberian Limonade ist starker Stoff – und nichts anderes wird versprochen. Doch den Trinker erwartet keine reine Alkoholschlacht, sondern ein gut gemixter Cocktail.

Bis zum Frühstück sind wir nicht geblieben, obwohl die Karte vielversprechend ist. Das holen wir gelegentlich nach. Für heute hatten wir großen Spass an einer Bar, in der des Geist des alten Berlin (West) noch zu spüren ist – American Sector! – und deutlich mehr geboten, als versprochen wird.

Qualität: 7,5

Service:7,5

Atmosphäre: 7,5

Summe: 22,5

CHAR Bar

585 Zhongshan East 2nd Rd, Huangpu Qu, Shanghai Shi, China

Die CHAR Bar im Indigo-Hotel Shanghai bietet einen grandiosen Blick auf die Stadt. Wir erwischen einen Tag mit einigermaßen guter Sicht und  mäßigem Wind.

Der Service ist zuvorkommend und auf der Terrasse servierte Barfood originell. Wir bestellen den „007„, den die Karte wie folgt beschreibt:  „James Bond’s oder to a lost lover, this potent tripple is not for the Fait heartet with gin, vodka and Cocchi Americans. Shaken and disturbed.“ Keine überraschende Geschichte.

Der Martini, der dann serviert wird, ist vollkommen makellos: kräftig, aber nicht zu stark, frisch und sehr elegant. Martinis können sie.

Auch die von den Begleiterinnen bestellten Drinks sind ausgewogen und gut.

Stilistisch bietet die CHAR Bar modernes Shanghaiflair, das vor allem eines ausstellt: die spektakuläre Silhouette der Stadt.

Qualität: 9 Punkte

Service: 8 Punkte

Atmosphäre: 10 Punkte

Summe: 27 Punkte

 

THE CATHAY ROOM

20 Nanjing E Rd, WaiTan, Huangpu Qu, Shanghai Shi, China

Das Cathay Room ist die vielleicht eleganteste Dachterrasse am Bund in Shanghai.

Der Blick auf die Global City Pudong ist spektakulär, vor allem am frühen Abend, wenn die Dämmerung über die riesige Stadt hereinbricht und langsam die Lichter angehen.

Ausgesprochen zuvorkommend und aufmerksam ist der Service , die Zurückhaltung passt zum Ambiente.

Die unaufgeregte Karte bietet durchweg klassische Cocktails. Wir entscheiden uns für einen Martinez (Gin, Vermouth, Maraschino, Angostura und den Classic Martini (Gin, Vermouth, Olive).

Wie die Cocktails an der Bar gemixt werden, lässt sich gut beobachten, doch das haben wir noch nicht gesehen: der Bartender kostet, verwirft den Martinez und mixt ihn erneut.

Was dann serviert ist in in jeder Hinsicht makellos. Beide Cocktails sind perfekt in Stärke, Mischung und Temperatur, viel besser sind diese Getränke kaum vorstellbar.

Dazu der wunderbare Blick auf das langsam ruhiger werdende Shanghai – ein Abend, der man nicht so schnell vergisst.

Qualität: 9,5 Punkte

Service: 8 Punkte

Atmosphäre: 10 Punkte

Summe: 27,5 Punkte

 

 

 

BAR AM STEINPLATZ

Steinpl. 4, 10623 Berlin

Auch das Bar-Publikum will immer wieder überrascht werden. Die Bar am Steinplatz in Berlin-Charlottenburg probiert es gestalterisch mit hinterleuchtetem Stein. Das wird immer wieder versucht, etwa im Do & Co Hotel in Wien oder in der Onyx Lounge in Darmstadt. Es bleibt in der Regel problematisch, weil vor allem die Beine beleuchtet werden und der Tresen und die Tische daneben verblassen. Wirklich überzeugt hat es uns nur in der Loos-Bar in Wien. Hier hat Adolf Loos 1910 in der von ihm gestaltzeten Baar eine Wand und die Kassettendecke aus Stein gestaltet und es ihm gelingt eine sehr angenehme, intime Atmosphäre.

In der Bar am Steinplatz beleuchtet das Licht, was gesehen werden soll: teure Materialien und Leuchtkörper, die stylisch sein wollen. Wer die sehr schön gestaltete Karte lesen möchte, hat besser eine Taschenlampe bei sich. Ansonsten dominieren kühle Materialien und Farben.

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2014 wurde die Bar am Steinplatz eröffnet und im Oktober 2016 zur „Hotelbar des Jahres 2017“ gewählt. Der Service ist freundlich und die Karte verspricht Innovationen. Die sind in der Barszene immer noch gesucht, aber es gibt sie: Wie etwa der Barkeeper des brasilianischen Kochs Alex Atala in seinem Restaurant D.O.M. in Sao Paulo den Martini neu erfindet, in dem er ihn dekonstruiert und mit Gin, Olivenöl und Pfeffer aus dem Amazonas neu konstruiert, das ist ein Erlebnis, das einen zum Staunen bringt. Optisch und geschmacklich. Die Essenz des Martini ist eine sehr gelungene Weiterentwicklung des Klassikers. Auch hierzulande gibt es gute moderne Konzepte, wie die Cocktails des CODA DESERT BAR  in Berlin-Neukölln (Friedelstraße 47, 12047 Berlin, http://betreutes-trinken.com/coda/). Dort werden die Cocktails als Begleitung zu Nachtischen kreiert. Das ist originell, geschieht auf hohem Niveau und ist in dieser Form in Europa einmalig. Am unterhaltsamsten ist schließlich das FRAGRANCES am Potsdamer Platz (Potsdamer Platz 3, 10785 Berlin, http://betreutes-trinken.com/fragrances-bar/). Dort dienen Parfums als Vorbilder für Cocktails, die raffiniert den Geschmack, nein, nicht imitieren, sondern interpretieren, was durchweg gut gelingt.

Das Konzept der Bar am Steinplatz ist vielversprechend. Im Angebot stehen sechs regionale und neun internationale Spezialitäten. Namen haben die einzelnen Cocktails nicht, stattdessen entscheidet sich der Gast für einen tragenden Alkohol, zum Beispiel Wodka oder Gin. Dann bietet die Karte etwa als regionale Spezialität „Himbeere, Schwarze Johannisbeere, Essig, Vodka“ und als Internationale Spezialität „Rote Beete, Ananas, Minze, Zitrone und Tanqueray No. Ten Gin“. Das klingt spannend.

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Was dann allerdings auf den Tisch kommt ist – leider – untrinkbar. Es ist durchaus vorstellbar, dass die regionale Spezialität funktioniert, aber sowohl die Johannisbeere und der Essig sind so überdosiert, dass der Cocktail tatsächlich nach zwei kleinen Schlucken stehen bleibt. Ähnliches widerfährt der internationalen Spezialität. Die Rote Beete ist penetrant dosiert und der Minzvorgarten im Glas würde locker für zwei Mojito ausreichen. Abgesehen davon, ist das Glas mit drei großen Eiswürfeln so überfüllt, dass man schlicht nicht daraus trinken kann. Auch dieser Cocktail bleibt nach zwei Schlucken stehen. Das ist bisher nur einmal vorgekommen. Sehr bedauerlich.

Gewagte Konzepte benötigen Profis hinter dem Tresen. Die waren am besagten Abend nicht bei der Arbeit. Wie die „Bar am Steinplatz“ zur „Hotelbar des Jahres“ gewählt werden konnte, bleibt uns nach diesem Besuch ein Rätsel.

Service: 5

Atmosphäre: 5

Qualität: 0

Summe: 10

 

SCHUMANN’S LES FLEURS DU MAL | ECKART 2016

Odeonsplatz 6-7, 80539 München

Charles Schumann ist ein Könner. Jüngst ist sein Le Fleurs du Mal am Odeonsplatz in München zur „Bar des Jahres“ in Deutschland gewählt worden. Diese Bar ist streng genommen ein Nebenraum im Obergeschoss von Schumann’s Bar.

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Der Gast erlebt einen langgestreckten Raum mit einem großen langen Tisch, alles in dunklem Holz gehalten. Ein paar Bänke und kleinere Tische am Rand. Die puristische Einrichtung deuten wir als Statement für das Einfache und Echte.

Obwohl noch nicht all zu viel los ist, warten wir erstaunlich lange auf den Service. München? Oder die Aura des Ortes? Wir kosten natürlich den Fleur Du Mal (Nikka Coffey Malt, Fortfiel Blend, Absinthe, Bitters). Nicht geeignet für den schnellen Durst, nicht geeignet für Anfänger, nicht geeignet für Ungeübte!

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Wenige Tage später servieren Charles Schumann und sein Team drei Kaltgetränke in der BMW Group Classic bei der Verleihung des ECKART 2016. Das ist der dem nach „Koch des Jahrhunderts“ Eckart Witzigmann benannten Preis. Über den ECKART möchten wir hier nichts weiter sagen, da wir seit fünf Jahren das Vergnügen haben, die Veranstaltung dramaturgisch, inszenatorisch und in anderer Hinsicht zu betreuen. Wer mehr wissen möchte: Die Facebookseite von Eckart Witzigmann – https://www.facebook.com/EckartWitzigmann/?fref=ts – und http://www.eckart-witzigmann-preis.de geben Auskunft.

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An diesem Abend kredenzt Schumann maßgeschneidert für seinen Freund Eckart Witzigmann einen French 75 (Champagner, Gin, Zitrone, Zucker, Zitronenzeste), einen Kir Royal (Champagner, hausgemachter Cassis) und einen Haiku für ECKI (Champagner, Suze, sprich: Enzianlikör, Cocchi Aperetivo Americano, Dry Orange Curaçao, Orangenzeste).

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Schumann in Aktion ist ein Erlebnis. Und wenn dann noch Michael Graeter, der einst Helmut Dietl als Vorbild für seinen Klatschreporter Baby Schimmerlos diente, unter den Gästen weilt und man das Vergnügen hat zu beobachten wie er beobachtet – nirgendwo ist München so schön wie in München.

Qualität: Schumann

Service: Aber bitte!

Atmosphäre: München

Summe: absolut ehrlich und einzig

 

 

 

 

 

BAR MARTÍNEZ

Calle del Barco, 4, 28004 Madrid, Spanien

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Das Martínez findet sich nur wenige Meter hinter dem berühmten, 1926-29 erbauten Telefonica-Gebäude in der Grand Via.

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Die Bar wirkt alteingessesen und die Patina angenehm, doch dieser Eindruck täuscht. Er seit wenigen Jahren gibt es das Martinez, ein gutes Beispiel dafür, wie sich nostalgische Atmosphäre durchaus gekonnt erzeugen lässt.

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Die Karte beeindruckt durch eine beachtliche Fülle und eine eigene Gin-Karte, der in Madrid gerade sehr in Mode ist und einem an jeder Ecke nahezu aufgedrängt wird.

Am frühen Abend bedient die Bartenderin selbst. Die junge Dame spricht ausschließlich spanisch, was der freundlichen Verständigung ebenso wenig im Wege steht, wie unsere radebrechenden Versuche in dieser Sprache. Wir sind beeindruckt über die unprätientöse Art, wie sie die Bestellungen erledigt und zugleich den Überblick über neu eintreffende Gäste und deren Bedürfnisse wahrt. Selten haben wir einen so souveränen Service erlebt.

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Das beginnt mit dem Barfood, das fast einer kleinen Mahlzeit gleicht: Humus und frische Gemüsesticks in beachtlicher Menge. Natürlich bestellen wir den namensgebenden Martínez, eine der Prüfungen für jeden Bartender: Gin, Wermut, Maraschino und Agostura – das im Gleichgewicht zu behalten ist keine einfache Übung. Wir staunen, als das Getränk kommt. Statt des üblichen Martiniglas, kommt tatsächlich eine Messingtasse, als sei erneut die Prohibition ausgebrochen und nach Europa geschwappt, was einen in Zeiten des moralischen Rigorismus kaum wundern würde.

Der Cocktail selbst ist eine Offenbarung. Wunderbar ausgewogen, so muss ein Martínez schmecken – einfach perfekt.

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Der zweite Cocktail, den wir probieren, ist der Kraken Stormy, der aus nur zwei Zutaten besteht und doch mehr ist ein als ein Londrink: Rum und Ingwerbier. Klingt banal und wird erst verständlich, wenn man die Rumsorte benennt: Kraken Rum, ein sehr dunkler, mit elf nicht bekannten Kräutern angereicherter Rum aus Trinidad. Das Ergebnis ist so überraschend wie gekonnt.

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Die Martínez ist vielleicht nicht die hippste Bar der Stadt, aber eindeutig eine der besten. Hier werden Cocktails gekonnt ins Glas gebracht, die Qualität ist so erstklassig wie der Service und das Ambiente angenehm unaufgeregt.

Qualität: 9 Punkte

Service: 9 Punkte

Atmosphäre: 8,5 Punkte

Summe: 26,5 Punkte

 

BAR MUSEO CHICOTE

Gran Vía, 12, 28013 Madrid, Spanien

Die Bar Museo Chicote in Madrid ist eine Legende. Seit 1931 bestehend, rühmt sie sich die älteste Bar der Stadt zu sein und natürlich hat Ernest Hemingway hier ebenso getrunken wie Stars und Sternchen der Gegenwart.

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Wir besuchen das Museo am frühen Abend. Der Raum ist groß und angenehm, das Licht, wie in fast allen Locations, die wir in Madrid besucht haben, sorgfältig gestaltet.

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Die aus den Anfangsjahren stammende Einrichtung hat immer noch Charme, man sitzt angenehm.

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Wir probieren den Hauscocktail, den Chiote und einen nach der Schauspielerin Ava Gardner benannten Cocktail. Der Chiote ist eine Form des Martinez, bestehend aus Gin, süßem Wermut, Curacao und Grand Manier. Dem Bartender zuzusehen ist interessant, er dosiert wie ein Chemiker, der im Film einen Chemiker spielen soll. Nur den Curacao vergisst er.

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Das Ergebnis ist dennoch in Ordnung, herb, gut trinkbar, einigermaßen ausgewogen.

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Der zweite Cocktail, Ava Gardner, besteht aus einer wilden Mischung: Rum, weiße Schokolade, Pfeffer, Mandarine und Lavendel. Wir hätten es lassen sollen, der süßlich-klebrige Chocktail ist kaum trinkbar.

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In einem allerdings toppt das Museo Chicote alles, was wir bisher erlebt haben: das zu den Cocktails angebotene Barfood. Neben geröstetem Mais, der weltweit gern gereicht wird, werden tatsächlich Gummibärchen auf den Tisch gestellt. Und nicht zu wenige.

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Madrid, wir lieben dich.

 

Qualität: 4,5 Punkte

Service: 6,5 Punkte

Atmosphäre: 7,5 Punkte

Summe: 18,5 Punkte

 

MENEHUNE COCKTAILBAR

Wehmenkamp 3, 45131 Essen

Im In-Viertel Essen-Rüttenscheid ist immer was los. Ein Oldtimerkorso, Straßenmusik, zahlreiche Restaurants und Bars und Wohnungspreise deutlich über dem ortsüblichen Durchschnitt. In einer etwas ruhigeren Seitenstraße liegt die Menehune Cocktailbar. Sie wirkt, als hätte man sich in auf den Set eines Filmdrehs für einen Matrosenfilm verirrt. Auf dem Tresen der Kopf eines Hais mit geöffnetem Maul, aus dem es violett leuchtet, an der Decke Fischernetze, an der Wand präparierte Fische  und in den Vitrinen die zugehörigen Utensilien.

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Benannt ist die Bar nach dem „kleinen Volk“ von Hawai, mythologischen Figuren in menschlicher Gestalt mit magischen Kräften. Wer immer auf diese Idee gekommen ist, sie wird konsequent und augenzwinkernd gespielt und es ist kaum möglich, sich nicht zu amüsieren.

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Die Cocktailkarte ist recht umfangreich, der Service aufmerksam und sehr freundlich. Wir testen den Fog Cutter (Zitrone, Limone, Rum – zwei Sorten –, Gin, Kirschlikör, Mandel, Ananas, Orangensaft). Das klingt heftig und sowohl nach einem Strong Drink wie nach einer wilden Mischung. Aber funktioniert wunderbar. Der Bartender übertreibt es mit der Alkoholdosierung nicht, die Mischung ist angenehm ausgewogen. Dabei sind die einzelnen Geschmäcker deutlich identifizierbar, ohne dass einer alles dominiert oder überlagert. Auch die Süße ist angenehm dezent und in keiner Weise klebrig.

Weniger komplex ist der London Sour mit Zitrone, Limone, Whiskey, Mandel und Orangensaft. Dieser Cocktail ist deutlich herber, aber nicht sauer, auch dieser Drink gelingt wunderbar und ist ideal für einen heißen Sommerabend.

In beiden Fällen wird nicht gespart mit üppiger Dekoration: Melone, Ananas, Cocktailkirsche – das Bucket geht fast als Nachtisch durch.  Wer der strengen klassischen Barhochkultur huldigt, dem ist die Menehune Cocktailbar wahrscheinlich zu verspielt. Wir haben uns sehr amüsiert und unterhalten in dieser sympathischen, freundlichen Bar.

Qualität: 7 Punkte

Service: 7,5 Punkte

Atmosphäre: 8 Punkte

Summe: 22,5  Punkte

 

HISTORIC PARC INN

7 West State St., Mason City, USA

In the „middle of nowhere“ steht das Historic Park Inn. Wer sich mit dem Architekten Frank Lloyd Wright beschäftigt, kann auf dieses Hotel stoßen: Aber wer käme schon auf die Idee, dass es immer noch existiert? Wunderbarerweise ist ist dem so. In der Annahme, dass es zum einen völlig ausgebucht und zum anderen unbezahlbar sein muß, nahmen wir uns vor, dort zumindest einen Kaffee zu trinken. Das war die einzige Idee, die sich dann nicht erfüllte. Überraschenderweise erwies sich das Hotel als buchbar im Internet, der Preis von gut 100 Dollar für so ein Haus erschien und mehr als günstig und so schlugen wir zu.

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Mason City liegt abseits der Hauptreiserouten. Nach abenteuerlicher Anfahrt erreichten wir die kleine Stadt und das Hotel an einem Sonntagnachmittag. Frisch, sehr sorgfältig und liebevoll renoviert standen wir staunend vor dem Meisterwerk. Dort sollten wir wohnen?

Allerdings sah das Hotel, wie die gesamte Stadt, nicht allzu belebt aus, doch der Empfang war besetzt mit einem jungen Mann von knapp über zwanzig, der uns erwartete und freundlich begrüßte. So waren wir jetzt zu dritt in – und mehr wurden wir auch nicht. Wir waren und blieben die einzigen Gäste in Frank Lloyd Wrights Hotel in Mason City, Iowa.

Wir bekamen unser Zimmer und es schien als hätte der Meister gerade erst die Abnahme gemacht, ein schlichte Sensation.

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Jetzt gab es nur ein Problem. Mason City ist sonntags geschlossen. Geschlossen heißt geschlossen. Alles. Kein Restaurant, kein Imbiss, nicht mal eine Tankstelle. Rein gar nichts. Hotelbar, Hotelrestaurant, ja gerne, meinte der junge Mann, aber leider nicht heute.

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Nach etwas Zurückhaltung setzten wir uns auf die wunderbare Terrassen und tranken … nun ja, Wasser. Zunächst. Denn der USA-Reisende abseits der Hot Spots ist vorbereitet. Also öffneten wir den Picknickkorb: Brot, Käse, Oliven, Cracker, Kekse, Marmelade, Äpfel, Zitronen, Mixed Pickles und – zum Glück – ausreichend Gin und Tonic. Wir fingen an auszupacken und die Terrasse einzunehmen. Nach einer Minute kam empört der Concierge, irritiert und fragte, was wir denn hier täten.

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Wir erläuterten ihm die Lage und er hatte auch keine Idee, wo man im Radius von 50 Meilen irgend etwas zu Essen bekäme. „Sonntags ist hier nie was los.“ – „Aber Sie haben Gäste am Sonntag.“ – „Ja, ab und zu.“ – „Warum bieten Sie Ihnen nicht einen Picknickkorb an?“ Der junge Mann fand das eine interessante Idee und die nächste halbe Stunde verbrachten wir damit, imaginäre Picknickkörbe der Größen S, M, L und XL für normale Leute, für Vegetarier, Veganer und alle möglichen Weltanschauungen zu entwickeln. Diese Idee nahm der Concierge mit in den Feierabend, hinter ließ noch seine Nummer für Notfälle und und wir waren allein in Frank Lloyds Historic Park Inn.

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Den Abend verbrachten wir auf der Terrasse mit einem vergnüglichen, aus unseren Vorräten kreierten Menü, langen Gesprächen über dies und jenes, lediglich unterbrochen von einem kleinen Spaziergang durch die stille Stadt. Als es dämmerte entschieden wir und für das Freilichtkino und sahen auf dem Laptop Hitchcocks  „Nort by Norhtwest“, tranken Gin Tonic und bewunderten den grandiosen Abendhimmel von Iowa.

Qualität: außer Konkurrenz

Atmosphäre: unvergleichlich

Service: Americans finest

Summe: einzig

MUTTER

Hohenstauffen Str. 4, 10781 Berlin

Mutter meint beides: Zum einen, so die Hompage, „eine Frau die ein oder mehrere Kinder geboren hat“ zum anderen „einen Teil der Schraube, der das Gewinde drehbar umschließt“. Die Bar und das Restaurant in Berlin Schöneberg, das sich diesen Namen gegeben hat, bietet eine der kuriosesten Inneneinrichtungen der Stadt. Lederstühle, die gut in Wiener Kaffeehaus passen würden, originell gestaltete Tische und Lampen, eine opulente Bar. Kulinarisch hat siuch die Mutter der Thai-Küche verschrieben, bietet die entsprechenden Standards und einige nicht ganz so üblichen Gerichte, natürlich eine Reihe davon vegetarisch und vegan, wie sich das in der Nähe des Winterfeld- und Nollendorfplatzes erwarten lässt, sowie einige Dutzend Cocktails.

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Wir kosten den Cucumber-Appletini (Gin, Holundersirup, Zitronensaft, Apfelsaft, Gurke) und den Tempest (Tequila, Mandarine, Cranberry, Zitronensaft, Orangensaft, Maracujasaft). Der Tempest ist opulent, reichlich, aber nicht überladen dekoriert. Er hat vielleicht ein wenig zu viele Cranberrys und gerät einen Tick zu süß, aber das ist fraglos Geschmacksache. Alles in allem ist er sehr gut gemixt, ausgewogen und schmeckt wunderbar.

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Mit dem Cucumber-Appletini gelingt dem Bartender an diesem Abend ein ganz Wurf. Er ist perfekt ausgewogen. Die Dosierung des Holundersirups gelingt perfekt und gibt dem Drink eine Eleganz, die ihresgleichen sucht. Der Cucumber-Appletini in der Mutter ist eine Entdeckung.

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Sehr gut ist auch der Service. Das Restaurant ist an diesem Abend gut gefüllt, aber die beiden Damen und der Bartender hinter dem Tresen, arbeiten mit einer bewundernswürdigen Gelassenheit und geraten auch nicht aus der Fassung, wenn am Nachbartisch ein Gericht individuell und filmreif angepasst wird: „Ich hätte gerne Menü Nummer 4, aber…“ und dann wird munter angepasst und kombiniert wie in dem Film „Harry und Sally“. Auch dann bleibt der Service freundlich gelassen und man bedauert es fast, dass der Service so flink ist, denn die Mutter ist großes Kino.

Qualität: 7,5 Punkte

Atmosphäre: 9 Punkte

Service: 8 Punkte

Summe: 24,5

Kronenhalle Bar

Rämistrasse 4, 8001 Zürich

Die Kronenhalle ist eine Züricher Legende. Das gilt für das Restaurant ebenso, wie für die berühmte Bar. Die 1924 eröffnete Kronenhalle selbst war und ist seit Jahrzehnten Treffpunkt von Künstlern. Pablo Picasso ist hier eingekehrt, James Joyce, Alberto Giacometti, Lauren Bacall und natürlich Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch. Gab es 2009 heftige Kritik an der Bedienung im Restaurant, so können wir das für die Bar keinesfalls bestätigen. Ganz im Gegenteil: Der Service war freundlich und außerordentlich kompetent. Wir haben selten einen Barkeeper getroffen, der so leidenschaftlich und informiert über Cocktails plaudern konnte und zudem den Geschmack der Gäste so präzise erspürte. Ein Vergnügen.

Die ganz in Holz gehaltene Bar ist charakterisiert durch ihre warme Atmosphäre und die Originale an den Wänden von Picasso, Klee, Miro und anderen. Sehr gelungen ist auch die Beleuchtung, die die richtige Balance findet und weder zu hell. noch zu schummrig ist.

Wir bestellten an diesem Abend den Kronenhalle Spezial mit Gin, Cointreau, Apricot Brandy und Grapefruitsaft, also kräftigen Zutaten. Serviert wurde ein ausgewogener, sehr eleganter Cocktail. Das Rezept stammt aus dem Haus, wie wir auf Nachfrage erfuhren. Es ist über 50 Jahre alt und kommt aus einer Zeit, als es noch nicht üblich war, die Cocktails schockzufrosten. Das war deutlich zu schmecken, der Cocktail hielt auch noch nach einer halben Stunde sein Niveau, ohne in die Bestandteile zu zerfallen. Die Cocktailkirsche setze einen raffinierten Kontrapunkt.

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Später kosteten wir noch einen zweiten Cocktail, den Aurora, der nicht in der Karte stand. Gin und Feilcheninfusion sowie eine Reihe weiterer Zutaten ergaben einen ganz außergewöhnlichen Geschmack. Auch der Olivo Nobile mit Zitronensorbet und Olivenöl belegte eindrucksvoll, dass die Bar keineswegs eine ihn Ehren ergraut ist, sondern eine sehr lebendige Cocktailkultur pflegt, die die Klassiker respektiert und Ihre eigene Interpretation der Moderne mit Lust und großem Können entwickelt.

Klassische und moderne Cocktailkultur auf höchstem Niveau.

 Qualität: 10 Punkte

Atmosphäre: 8,5 Punkte

Service: 8,5 Punkte

Summe: 27

Green Door

Winterfeldstraße 50, 10781 Berlin

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Green Door

25 Jahre besteht Green Door inzwischen, das Wort Klassiker mag einem einfallen, ist aber übertrieben. Die einst modische, originelle Inneneinrichtung ist deutlich in die Jahre gekommen.

IFDie immer mal wieder aktualisierte und renovierte Karte bietet zahlreiche Cocktails jenseits des Mainstream, wie etwa den Jimmy Roosevelt (Cognac, Schwarztee, Kandis, Chartreuse verte, Champagner), den Bellucci (Campari, Ingwer, Schlehengin, Limette, Cranberry, Champagner) oder den Royal Fizz (Gin, Holunderblütenlikör, Zitrone, Champagner). Letzteren bestellen wir. Ein leichter Drink für einen warmen Sommerabend, tadellos gemixt und serviert. Die Qualität stimmt.

Für ausgesuchte Abende: Im Green Door ist alles wie immer – und in einer Stadt, die sich permanent verändert, ist das eine Qualität.

Qualität: 7 Punkte

Atmosphäre: 6,5 Punkte

Service: 7 Punkte

Summe: 20,5