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STANDBY

225 Gratiot Ave, Detroit, MI 48226, USA

Dort, wo man sich vor nich allzu langer Zeit nur tagsüber und mit kräftiger Begleitung hintrauen konnte, ist ein neues Lifestyleviertel entstanden. Detroit – up & coming. Und das Standby ist das Flaggschiff. Wer dort essen möchte, muss gut eine Stunde Wartezeit mitbringen. Aber an der Bar darf man stehen.

Wo  kommen auf einmal all die gepflegten  jungen Menschen her? So viele haben wir in den letzten zehn Jahren zusammen in ganz Detroit nicht gesehen. Obwohl wir nicht mehr ganz jung sind und keinen Bart tragen, dürfen wir eintreten.

Backstein, Stahl, Streetart und Kronleuchter – ein wilde, aber sehr schlüssige und angenehme Einrichtung. Die Bedienung ist ob der zahlreichen Gäste etwas gehetzt, aber sehr freundlich. Geboten wird ein anspruchsvolles und ambitioniertes Barmenü, klar gegliedert nach den Schnäpsen, die den jeweiligen Cocktail dominieren: Whiskey, Agave, Rum, Gin, Brand und Amaro. Jedes Kapitel bietet sechs bis acht Cocktails, durchweg Eigenkreationen.

Wir probieren den Suffering McCarthy, der als „spicy, refreshing, funky“ beschrieben wird. Alle drei Zuschreibungen treffen zu. Schon die Zutaten sind beachtlich: Two Old Tom Gin, Grapefruit Sherbet, Doctor Bird Jamaican Rum, Ginger, Honey, Lime, Angostura Bitters, Habanero Tinture. Gebannt verfolgt man das Treiben hinter dem Tresen, denn die Bartender mixen wie verrückt. Nein, keine Show, einfach besessen – und der ernste Enthusiasmus ist beeindruckend.

Das Ergebnis ist phänomenal. Der Cocktail zählt wirklich zur Spitzenklasse. Er trinkt sich unkompliziert und entfaltet beim zweiten Schluck eine wuchtige und doch harmonische Vielfalt an Aromen, die sich gut ergänzen und nie langweilen. Große Kunst. Auch die Cocktails der besonders netten Begleitung an diesem Abend sind auf vergleichbarem Niveau.

So erreichen Umgebung und Drinks das, was sich im besten Fall erwarten lässt: Sie regen an und inspirieren zu einem wunderbaren Gespräch über Musik, das Filmemachen, den Brotberuf und Versuche sich zwischen all den Ansprüchen selbst zu behaupten, ohne dabei zerrieben zu werden. Ein großer Abend. Danke.

Qualität: 9

Service: 8

Interieur: 9

Summe: 26

RUSTED CROW

78 W Adams Ave, Detroit, MI 48226, USA   

Gegen Ende der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts lässt sich in Detroit eine so erstaunliche wie unerwartete Entwicklung beobachten: Eine totgesagte Stadt steht wieder auf. War es vor noch gut zehn Jahren lebensgefährlich, abends auf die Straße zu gehen, so ist die Stadt jetzt heller und sauberer als sich die meisten Einwohner erinnern. Die zum Teil großartigen Hochhäuser werden wieder hergerichtet, es wird wieder gebaut und es gibt einige Dutzend neue Restaurants und Bars. Wie zum Beispiel das Rustetd Crow.

 

Das Niveau ist deutlich höher als das der meisten Burger- und Sandwichläden, man gibt sich große Mühe und sucht. Die Inneneinrichtung ist großartig kurios. Industrielook, gepflegter Premium-Rost und gemäßigte Streetart – ein Vergnügen.

Ohne die unvermeidlichen Fernseher mit den Sportübertragungen gehören einfach dazu.

Die freundliche Bedienung verblüfft den Gast mit einer sehr phantasievollen Cocktailkarte: Sinnamon Jones, Garter Belt, Greytrache und Growstache heißen einige Cocktails. Letzteren probieren wir. Er enthält Ginstache Gin – natürlich von der eigenen Detillirie aus Detroit – blackberry, cucumber, lime juce, simple syrup. Detroiter Freistil mit frecher Optik: Gurke und Brombeere haben in der Kombination noch nicht gesehen.

Der Cocktail schmeckt ansprechend, ein leichter, unkomplizierter Feierabenddrink. Angenehm fällt auf, dass der Bartender den Sirup gut einsetzt und die Süße nicht alles verklebt. Das einzige Manko: zu viel Eis. Doch das ist amerikanische Tradition und niemd darf das übel nehmen. Also: zügig trinken, bevor das Eis schmilzt und der Cocktail verwässert, und möglichst bald nachbestellen. Und einer solchen Empfehlung würde kein Service der Welt widersprechen.

Qualität: 7

Service: 7,5

Interieur: 9

Summe: 23,5

FISHBONE

400 Monroe Ave, Detroit, MI 48226, USA

Das Fishbone ist eine Institution in Detroit. Burger, Sushi, Pizza, hier gibt es alles. Und im Dezember und Januar ist das riesige Etablissement mit mehreren Bereichen kein schlechter Ort, um den eisigen Winter zu überstehen.

Auf die Idee eine im Martini badende, fröhliche Languste zum Logo zu machen, muss man erst mal kommen.

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Die Getränkeauswahl ist groß, selbst deutsche Exulanten können sich hier mit Jägermeister erwärmen. Wir wählen einen traditionellen Martini (Botanist Gin, Dry Vermuth.) Der freundliche Service braucht seine Zeit bis der Cocktail auf dem Tisch steht. Wenn man nach einem Spaziergang durchgefroren ist, hilft er sofort, aber lange aufhalten sollte man sich mit dem Getränk nicht, schon nach einigen Minuten zerfällt er deutlich.

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Das die Gesellschaft angenehm ist und gut gelaunt, fällt das an diesem Abend nicht weiter ins Gewicht.

Qualität: 4 Punkte

Service: 4 Punkte

Atmosphäre: 7 Punkte

Summe: 15 Punkte

SUGAR HOUSE

2130 Michigan Ave, Detroit, MI 48216, USA

Hier trinkt das neue, junge, ja, durchaus wohlhabende Detroit. In In der Madison Avenue, wo es vor Jahren besser war, sich nicht mal tagsüber blicken zu lassen, wenn einem sein Leben lieb war, sind eine reihe neuer, junger Restaurants und Bars entstanden.

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Es dominiert der raue Belin-Style der späten 1990er Jahre, hier in amerikanischer Prägung mit Backsteinwänden, ausgestopften Jagdtrophäen in beachtlicher Zahl und Größe an den Wänden, Luftballons an der Decke, Kronleuchtern und ein riesiger Tresen.

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Ein wenig wild und dennoch angenehm und nicht zuletzt warm, während draußen der eisige Winde über die großen Seen durch die Stadt pfeift.

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Der Service ist zügig, freundlich und erklärt kompetent das Menü, das sich in zwei Kapitel gliedert. Zum einen etwa 100 Standards, wie sie weltweit überall zu bekommen sind, zum anderen ein Dutzend Eigenkreationen. Die sind versammelt unter dem Begriff „Craft Cocktails“ und folgen erkennbar der erfolgreichen Biermode.

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Wir entscheiden uns dafür und wählen den Black Walnut & Rye Cocktail. Die Zutaten: Two James Catcher’s Rye, Sherry, Black Walnut Leaf Syrup, Amargo Valet Bitters, Atomizes New Holland Gin. Es kommt ein dunkler, kräftiger und ein wenig an den Martinez erinnernder Cocktail, der ausgesprochen gelungen ist. Mit dem Syrup hat der Mixer nicht gespart, so dass der Walnussgeschmack auch klar erkennbar ist, aber dennoch erschlägt die Dosierung nicht den Rest. Auch die Bitters sind gekonnt dosiert, schmeckbar, aber nicht zuviel. Alles in allem ein sehr gelungener, kraftvoller, amerikanischer, aber keineswegs platter Cocktail mit klarer Handschrift.

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Sie trauen sich was im Sugar House in Detroit – und das gekonnt: Kompliment.

Service: 8

Atmosphäre: 7,5

Qualität: 7,5

Summe: 23