ATTABOY

134 Eldridge St, New York, NY 10002

Auf der Liste der „50 World Best Bars“ steht Attaboy auf Platz 8. Auch wenn diese Listen reichlich gesponsert, also bezahlt und mit entsprechenden Interessen belegt sind, wir machen die Probe aufs Exempel. Doch das ist gar nicht so einfach, denn bei der angegebenen Adresse steht ein offenkundig leeres Haus, nicht allzu weit entfernt von der Abbruchreife.

Wir glauben nicht, dass sich hier hier eine der weltweiten Top-Ten-Bars verbergen könnte. Nebeneingang? Hinten herum? Einmal um den Block. Wir geben die Sache schon fast auf, als wir eine kleine Klingel neben der Tür entdecken.

Ein junger Mann tritt heraus, schließt hinter sich wieder die Tür, begutachtet den Möchtegerngast. Der hält der Prüfung offenkundig stand und sieht sich mit der Frage konfrontiert: „How many?“ Das irritiert, denn weit uns breit ist niemand sonst zu sehen, aber pflichtschuldig antworten wir: „One person.“ – „Good, I’ve one place at the bar.“ Dann öffnet sich wieder die Tür.

Ein Schlauch von mindestens 30 Metern Länge und höchstens zwei Metern Breite wird sichtbar, mit einem endlosen Tresen. Dahinter wird gemixt, als ginge es ums Leben.

Eine Karte gibt es nicht. Stattdessen erkundigt sich der Bartender nach Vorlieben. Gin, ja gerne. Etwas winterlich? Warum nicht?

Wie der Cocktail heißt, den kurz darauf serviert wird, wissen wir nicht. Ein sehr milder Gin ist zu identifizieren, Cognac, vermutlich ein Spritzer Angostura … der Rest wäre geraten. Der Geschmack? Umwerfend. Kraftvoll, aber nicht zu stark. Ein großer Eiswürfel, der den Cocktail kühl hält, aber nicht verwässert – ein sehr eleganter Mix, der Konstistenz und Geschmack über eine halbe Stunde hält.

Die Einrichtung passt zu der das Erbe der Prohibitionszeit inszenierenden Location, die mit dem Verbotenen ein wenig spielt, ohne das allzu ernst zu nehmen. Der Service hätten wir uns ein wenig auskunftsfreudiger gewünscht, aber an der Freundlichkeit gibt es nichts auszusetzen. Und der Cocktail: Weltklasse.

Qualität: 10

Service: 8

Interieur: 9

Summe: 27

 

STANDBY

225 Gratiot Ave, Detroit, MI 48226, USA

Dort, wo man sich vor nich allzu langer Zeit nur tagsüber und mit kräftiger Begleitung hintrauen konnte, ist ein neues Lifestyleviertel entstanden. Detroit – up & coming. Und das Standby ist das Flaggschiff. Wer dort essen möchte, muss gut eine Stunde Wartezeit mitbringen. Aber an der Bar darf man stehen.

Wo  kommen auf einmal all die gepflegten  jungen Menschen her? So viele haben wir in den letzten zehn Jahren zusammen in ganz Detroit nicht gesehen. Obwohl wir nicht mehr ganz jung sind und keinen Bart tragen, dürfen wir eintreten.

Backstein, Stahl, Streetart und Kronleuchter – ein wilde, aber sehr schlüssige und angenehme Einrichtung. Die Bedienung ist ob der zahlreichen Gäste etwas gehetzt, aber sehr freundlich. Geboten wird ein anspruchsvolles und ambitioniertes Barmenü, klar gegliedert nach den Schnäpsen, die den jeweiligen Cocktail dominieren: Whiskey, Agave, Rum, Gin, Brand und Amaro. Jedes Kapitel bietet sechs bis acht Cocktails, durchweg Eigenkreationen.

Wir probieren den Suffering McCarthy, der als „spicy, refreshing, funky“ beschrieben wird. Alle drei Zuschreibungen treffen zu. Schon die Zutaten sind beachtlich: Two Old Tom Gin, Grapefruit Sherbet, Doctor Bird Jamaican Rum, Ginger, Honey, Lime, Angostura Bitters, Habanero Tinture. Gebannt verfolgt man das Treiben hinter dem Tresen, denn die Bartender mixen wie verrückt. Nein, keine Show, einfach besessen – und der ernste Enthusiasmus ist beeindruckend.

Das Ergebnis ist phänomenal. Der Cocktail zählt wirklich zur Spitzenklasse. Er trinkt sich unkompliziert und entfaltet beim zweiten Schluck eine wuchtige und doch harmonische Vielfalt an Aromen, die sich gut ergänzen und nie langweilen. Große Kunst. Auch die Cocktails der besonders netten Begleitung an diesem Abend sind auf vergleichbarem Niveau.

So erreichen Umgebung und Drinks das, was sich im besten Fall erwarten lässt: Sie regen an und inspirieren zu einem wunderbaren Gespräch über Musik, das Filmemachen, den Brotberuf und Versuche sich zwischen all den Ansprüchen selbst zu behaupten, ohne dabei zerrieben zu werden. Ein großer Abend. Danke.

Qualität: 9

Service: 8

Interieur: 9

Summe: 26

RUSTED CROW

78 W Adams Ave, Detroit, MI 48226, USA   

Gegen Ende der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts lässt sich in Detroit eine so erstaunliche wie unerwartete Entwicklung beobachten: Eine totgesagte Stadt steht wieder auf. War es vor noch gut zehn Jahren lebensgefährlich, abends auf die Straße zu gehen, so ist die Stadt jetzt heller und sauberer als sich die meisten Einwohner erinnern. Die zum Teil großartigen Hochhäuser werden wieder hergerichtet, es wird wieder gebaut und es gibt einige Dutzend neue Restaurants und Bars. Wie zum Beispiel das Rustetd Crow.

 

Das Niveau ist deutlich höher als das der meisten Burger- und Sandwichläden, man gibt sich große Mühe und sucht. Die Inneneinrichtung ist großartig kurios. Industrielook, gepflegter Premium-Rost und gemäßigte Streetart – ein Vergnügen.

Ohne die unvermeidlichen Fernseher mit den Sportübertragungen gehören einfach dazu.

Die freundliche Bedienung verblüfft den Gast mit einer sehr phantasievollen Cocktailkarte: Sinnamon Jones, Garter Belt, Greytrache und Growstache heißen einige Cocktails. Letzteren probieren wir. Er enthält Ginstache Gin – natürlich von der eigenen Detillirie aus Detroit – blackberry, cucumber, lime juce, simple syrup. Detroiter Freistil mit frecher Optik: Gurke und Brombeere haben in der Kombination noch nicht gesehen.

Der Cocktail schmeckt ansprechend, ein leichter, unkomplizierter Feierabenddrink. Angenehm fällt auf, dass der Bartender den Sirup gut einsetzt und die Süße nicht alles verklebt. Das einzige Manko: zu viel Eis. Doch das ist amerikanische Tradition und niemd darf das übel nehmen. Also: zügig trinken, bevor das Eis schmilzt und der Cocktail verwässert, und möglichst bald nachbestellen. Und einer solchen Empfehlung würde kein Service der Welt widersprechen.

Qualität: 7

Service: 7,5

Interieur: 9

Summe: 23,5

VELVET BAR

Ganghoferstraße 1, 12043 Berlin

Neu, regional, saisonal, modern – das ist in wenigen Worten das Konzept der Velvet-Bar in Neukölln. Und das Konzept funktioniert. Gelegentlich drängt sich der Eindruck auf, Modernität und Gastlichkeit gingen nicht zusammen, und die Bartender bestechen durch ihren introvertierten Auftritt, wobei die Gäste als notweniges Übel erscheinen, das sich branchenbedingt nicht ganz umgehen lässt.

Ganz anders die Velvet-Bar, wo wir zügig, freundlich und gut gelaunt bedient und kompetent beraten werden.  Uns haben diese Ratschläge besonders gut gefallen, denn sie sie waren zurückhaltend, haben die Gäste ernst genommen und  Hinweise gegeben, ohne zu bevormunden.

Die Coacktails, die wir probieren, sind ohne Ausnahme sehr gut. Hier sind Könner an der Arbeit, die ihre Kompetenz nicht präsentieren, sondern in den Dienst einer Idee stellen. Wie der Anspruch regional und saisonal eingelöst wird, wird zum Beispiel beim Flip the Lid deutlich. In diesem Cocktail finden sich Schwarzer Knoblauch aus Werder an der Havel, Schwarzer Knoblauch, Mezcal, Aquavit und Schokolade. Klingt wild, schmeckt aber gerade an kühlen Winterabenden hervorragend.

Noch besser: der Cantaloupe (Muskatkürbis aus Vierlinden, Kürbislikör, Old Tom Gin, Mezcal, Verjus und Zitronensäure). Schmeckt kräftig und ist süffig. Kürbis klingt verblüffend und ungewöhnlich, aber der Cocktail ist in keiner Weise erklärungsbedürftig, man fragt sich eher warum niemand vorher darauf gekommen ist.

Das gefällt uns besonders an der Velvet Bar: Saisonalität und Regionalität werden nicht nun modisch behauptet, sondern schlüssig und überzeugend umgesetzt. Es dürfte nur wenige Bars geben, die die Coktailkultur der Gegenwart so kreativ und gekonnt erneuern, wie die Velvet Bar in Neukölln.

Qualität: 9 Punkte

Service: 9 Punkte

Atmosphäre: 8 Punkte

Summe: 26 Punkte

 

CAMPELL BAR

15 Vanderbilt Ave, New York, NY 10017, USA

Die Campbell Bar ist dort, wo niemand sie vermuten würde: Auf dem Weg zwischen den Gleisen des Bahnhofs durch die große Halle führt der Weg entweder direkt nach draußen – vielleicht über die Great Northern Food Hall des Gewinners des ECKART 2015 (http://www.eckart-witzigmann-preis.de/preistraeger-2015/) – oder hinunter in der Food Court mit der legendären Oyster Bar. Auf halbem Weg führen ein Fahrstuhl und eine steile Treppe hinauf zur Campbell Bar.

Sie besteht seit der Zeit der Prohibition, zu der angeblich hier ein Ehepaar gewohnt und Whisky in Tassen ausgeschenkt haben soll.

Sicher scheint folgendes: Benannt ist die Bar nach John W. Campbell,  einen Investor, der 1923 hier seinen privaten Club eingerichtet hat. Im Stil der Zeit renoviert, erwartet den Besucher ein riesiger Raum mit einem mächtigen Tresen, einem offenen Kamin und schweren Ledersesseln. Schummrig und so konsequent altmodisch, dass man staunt und sich wohl fühlt.

Die Karte bietet neben klassischen Cocktails einige „Old Fashioneds“ und eigene „House Cocktails“.  Wir bestellen bei der freundlichen Bedienung John Campbell’s Martini (Stoli Elit Vodka, Carpano Dry Vermouth, Castelvetrano olives) und einen Aviation (Nolets Gin, Creme De Vioelette, Maraschino Liqeuer, Fresh Lemon). Beide Cocktails sind von excellenter Qualität, schmecken spritzig und frech. Die Balance zwischen klassischer und moderner Cocktail-Kultur gelingt hervorragend.

Wo immer man sich in New York aufhält, die Campbells Bar ist einen Umweg wert.

Qualität: 8,5 Punkte

Service: 8 Punkte

Atmosphäre: 9,5 Punkte

Summe: 26 Punkte