HILDEGARD BAR

Marburger Straße 3, 10789 Berlin

Die Hildegard Bar ist eine echte Entdeckung und ein großes Vergnügen. Sie ist unsere BAR DES JAHRES. Es gibt wenige Orte, die so entspannt und stilvoll auf diesem Niveau spielen. Das Innere gleicht eine Höhle, ist aber nicht so lang gestreckt wie die einstige Bar am Lützowplatz oder die Victoriabar. Der Raum bietet sowohl Intimität wie Gemeinschaftsgefühl mit Plätzen am Tresen und an kleineren Tischen – selten haben wir so eine geschickte und sorgfältige Raumgestaltung erlebt.

Akzentuiert wird sie durch eine sehr gute Beleuchtung mit vielen Lichtinseln, hell genug um die Karten zu lesen und zugleich wohl temperiert.

Dazu die Musik: Der Inhaber, Thomas Pflanz, ist erkennbar ein Fan des „Krautrock“. Er folgt bei der Musikauswahl aber nicht den ungeschriebenen, heiligen Regeln der wahren Deutschrock-Kunst, sondern dem Geist ihrer besten Vertreter, also aufregend, improvisierend, lustvoll. Wer nicht weiß was gemeint ist, mag bei“ Wikipedia „Can“, „Amonn Düül“, „Birth Control“ oder einfach den Begriff „Krautrock“ nachschlagen und bei Youtube das ein oder andere nachhören. (Meine schönste Entdeckung beim Stöbern: „Straße ohne Ziel“ von der Nürnberger Band „Ihre Kinder“. Großartig.) Und beim Besuch der Bar unbedingt die Titel der Musikbox studieren.

Soweit die Bühne. Lebendig wird sie durch ein gut gelauntes Team, das sichtlich Spass an seiner Arbeit hat. Natürlich mixen sie auch alle Klassiker, die Karte aber ist weitaus aufregender.

Die Cocktails heißen „…von Bingen“ (gut), Kinski (der Name ist Programm), Bukowski (dito), Ahmon Düül (überraschend und rafinniert), Earl of Hildegard (überragend).

 

Der letztgenannte Cocktail besteht aus Earl Grey infused Gin (wir sind schließlich im Britischen Sektor!), Triple Sec, Lemon und Egg white. Beschrieben wird der Cocktail in der Karte – bitte unbedingt beim Besuch Buntstifte mitnehmen… das erklärt sich dann – wie folgt: „Girls will be boys and boys will be girls. It’s a mixed up muddled up shok up world…“ In anderen Worten: Was hier ins Glas kommt ist so sensationell Lola von den Kings. Ein kraftvoller Cocktail, vielschichtig, aber in keiner Weise angestrengt, süffig und doch, wenn man sie wahrnehmen möchte, viele Noten: Die leichten Bitterstoffe des Likörs erinnern daran, dass die Geschmackswelt nicht nur aus „Süß“ besteht, dazu leichte Säure im genau richtigen Maß, gebunden im lockeren Eischnee. Das Ganze getragen von dem gut, aber nicht übertrieben mit Earl Grey infusionierten Gin. Eine wirklich große Kreation, die viel kann und lässig daherkommt.

Der Cocktail und die Hildegard Bar – großes Kino! Respekt & Kompliment.

(Und warum die Bar so  heißt wie sie heißt – hingehen und fragen.)

Qualität: 10

Service: 10

Atmosphäre: 10

Summe: 30

 

FAIRY TALE BAR

Am Friedrichshain 24, 10407 Berlin

Erinnert sich noch jemand an die frühen LPs – ja Vinyl – der Band Genesis? Die Zeit vor Disco und lange vor Punk, als Bands es riskierten Stücke von 10 bis 20 Minuten Länge anzubieten. Wer die Cover der Alben Trespass (1970), Nursery Cryme (1971), Foxtrott (1972), Selling England by the Pound (1973), A Trick of the Tail und Wind & Wuthering (beide 1976) vor Augen hat (oder im Netz nachschlägt), fühlt sich im Fairy Tale sofort heimisch.

Die Bar ist wie ein dreidimensionales Genesis-Cover der frühen Jahre: die auwändige, detailverliebte und ungemein originelle Einrichtung versetzt einen tatsächlich in eine inspirierende Märchenwelt. Überraschend.

Zur Karte: Wir wollen hier nichts weiter verraten, um niemanden den Spass zu verderben. Nur so viel: Auf die Idee Bücher als Barkarte zu verwenden, wird immer wieder zurückgegriffen. Aber eine originellere Barkarte wie im Fairy Tale haben wir noch nirgendwo in der Hand gehabt.

Auch zum Service wollen wir nichts weiter erzählen, außer dass er kompetent und sehr freundlich war. Lassen Sie sich überraschen.

So viel strenge Form, speist die Befürchtung, dass der Inhalt vielleicht nicht ganz mit halten kann. Doch Befürchtungen dieser Art erweisen sich als überflüssige Bedenken, denn der Inhalt, sprich: die Cocktails, sind auf Augenhöhe.

Zum Beispiel „Der Blaubart“, bestehend aus Grand Marnier 100, Tanqueray Old Tom Gin, Zitronensaft, Orangenespuma, ist exzellent. Der französische Likör aus karibischen Bitterorangen bildet eine sehr dominante Basis, die gut mit dem besonderen Gin harmoniert. Der Old Tom ist eine eine spezielle Destillation der Marke Tanqueray, die leicht mit Zuckerrüben gesüßt wird. Für den besonderen Geschmack dieses Gins sind natürlich alle Zutaten verantwortlich, zu denen in diesem Fall auch Ananas gehört. Dennoch ist der Old Tom kein süßer Gin.

Grand Marnier und dieser Gin – diese beiden starken Geschmäcker zu kombinieren ist riskant. Dazu noch der der Molekularküche entliehenen Orangenschaum (Orangenespuma), darauf muss man erst mal kommen. Im Fairy Tale gelingt die Kombiation ganz wunderbar. Der Cocktail ist kräftig, sehr harmonisch und die Kombination der leichten Süße mit den bitteren Aromen gelingt hervorragend.

Es bleibt nicht bei diesem Cocktail. Wir probieren noch weitere Angebote der tollen Karte und das Niveau ist durchweg hoch. Alle Cocktails folgen einer mit einem Märchen verbundenen Idee und keiner war langweilig oder belanglos.

Unser Eindruck: Das Fairy Tail spielt weit über den üblichen Standards und ist eine der spannendsten und besten Bars, die wir in den letzten Jahren besucht haben.



Qualität: 9

Service: 8

Atmosphäre: 9,5

Summe: 26,5