BAR AM STEINPLATZ

Steinpl. 4, 10623 Berlin

Auch das Bar-Publikum will immer wieder überrascht werden. Die Bar am Steinplatz in Berlin-Charlottenburg probiert es gestalterisch mit hinterleuchtetem Stein. Das wird immer wieder versucht, etwa im Do & Co Hotel in Wien oder in der Onyx Lounge in Darmstadt. Es bleibt in der Regel problematisch, weil vor allem die Beine beleuchtet werden und der Tresen und die Tische daneben verblassen. Wirklich überzeugt hat es uns nur in der Loos-Bar in Wien. Hier hat Adolf Loos 1910 in der von ihm gestaltzeten Baar eine Wand und die Kassettendecke aus Stein gestaltet und es ihm gelingt eine sehr angenehme, intime Atmosphäre.

In der Bar am Steinplatz beleuchtet das Licht, was gesehen werden soll: teure Materialien und Leuchtkörper, die stylisch sein wollen. Wer die sehr schön gestaltete Karte lesen möchte, hat besser eine Taschenlampe bei sich. Ansonsten dominieren kühle Materialien und Farben.

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2014 wurde die Bar am Steinplatz eröffnet und im Oktober 2016 zur „Hotelbar des Jahres 2017“ gewählt. Der Service ist freundlich und die Karte verspricht Innovationen. Die sind in der Barszene immer noch gesucht, aber es gibt sie: Wie etwa der Barkeeper des brasilianischen Kochs Alex Atala in seinem Restaurant D.O.M. in Sao Paulo den Martini neu erfindet, in dem er ihn dekonstruiert und mit Gin, Olivenöl und Pfeffer aus dem Amazonas neu konstruiert, das ist ein Erlebnis, das einen zum Staunen bringt. Optisch und geschmacklich. Die Essenz des Martini ist eine sehr gelungene Weiterentwicklung des Klassikers. Auch hierzulande gibt es gute moderne Konzepte, wie die Cocktails des CODA DESERT BAR  in Berlin-Neukölln (Friedelstraße 47, 12047 Berlin, http://betreutes-trinken.com/coda/). Dort werden die Cocktails als Begleitung zu Nachtischen kreiert. Das ist originell, geschieht auf hohem Niveau und ist in dieser Form in Europa einmalig. Am unterhaltsamsten ist schließlich das FRAGRANCES am Potsdamer Platz (Potsdamer Platz 3, 10785 Berlin, http://betreutes-trinken.com/fragrances-bar/). Dort dienen Parfums als Vorbilder für Cocktails, die raffiniert den Geschmack, nein, nicht imitieren, sondern interpretieren, was durchweg gut gelingt.

Das Konzept der Bar am Steinplatz ist vielversprechend. Im Angebot stehen sechs regionale und neun internationale Spezialitäten. Namen haben die einzelnen Cocktails nicht, stattdessen entscheidet sich der Gast für einen tragenden Alkohol, zum Beispiel Wodka oder Gin. Dann bietet die Karte etwa als regionale Spezialität „Himbeere, Schwarze Johannisbeere, Essig, Vodka“ und als Internationale Spezialität „Rote Beete, Ananas, Minze, Zitrone und Tanqueray No. Ten Gin“. Das klingt spannend.

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Was dann allerdings auf den Tisch kommt ist – leider – untrinkbar. Es ist durchaus vorstellbar, dass die regionale Spezialität funktioniert, aber sowohl die Johannisbeere und der Essig sind so überdosiert, dass der Cocktail tatsächlich nach zwei kleinen Schlucken stehen bleibt. Ähnliches widerfährt der internationalen Spezialität. Die Rote Beete ist penetrant dosiert und der Minzvorgarten im Glas würde locker für zwei Mojito ausreichen. Abgesehen davon, ist das Glas mit drei großen Eiswürfeln so überfüllt, dass man schlicht nicht daraus trinken kann. Auch dieser Cocktail bleibt nach zwei Schlucken stehen. Das ist bisher nur einmal vorgekommen. Sehr bedauerlich.

Gewagte Konzepte benötigen Profis hinter dem Tresen. Die waren am besagten Abend nicht bei der Arbeit. Wie die „Bar am Steinplatz“ zur „Hotelbar des Jahres“ gewählt werden konnte, bleibt uns nach diesem Besuch ein Rätsel.

Service: 5

Atmosphäre: 5

Qualität: 0

Summe: 10

 

CAFE CHIMERA

Kyrenia, Nordzypern, Hafen (das erste oder letzte Haus – je nachdem von wo man kommt)

Das ist der zweifellos angenehmste Ort, den wir in Nordzypern gefunden haben: keine Folklore, keine auf „vintage“ getrimmte Inneneinrichtung, keine Fähnchen, freundlicher, unaufdringlicher Service. Das ….. im sympathischen Hafen von Girna (Kyrenia) ist das letzte Haus vor der mächtigen Burg.

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18, 19 Grad hat es im Dezember, abends wird es kühl, aber im Kamin brennt ein Feuer, das ungemein wärmt. In dieser unaufdringlichen und im Unterschied zu den lärmenden Touristenrestaurants angenehm leisen Atmosphäre erlebt der Gast, was Restaurant im wörtlichsten Sinne bedeutet: Er wird restauriert.

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Dazu zählt der zypriotische Nationalcocktail, wenn es denn so etwas gibt, der Brandy Spur. Die Zutaten laut Karte: Brandy, Limonade, Soda, Angostura. Ein Sour ist das, was im Glas ist, streng genommen nicht… sei’s drum: Die Orangen geben dem nordzypriotischen Freistil eine beachtliche Süße. Lassen wir die Gattungsbezeichnungen beiseite: Das Getränk schmeckt an allen drei Abenden wunderbar, der Brandy ist mild und genau richtig dosiert.

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Das perfekte Getränk zu einem inspirierenden Abend mit weit ausholenden Gesprächen über die Lage der Welt im Großen und Kleinen – und für einen Moment vergisst man, dass am Vormittag fünf voll bewaffnete Kampfflugzeuge tief über den Hafen fliegen Richtung Sonnenaufgang. Bis zur syrischen Grenze sind es keine 100 Kilometer.

Service: 7,5

Atmosphäre: 8

Qualität: 7

Summe: 22,5